19.02.2016

Religion - ein Fall für die Privatisierung?

Norbert Lammert zu Besuch in Osnabrück
Foto: Johannes Hörnemann

Mehr als 400 Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren der Einladung der KEB Osnabrück in die Aula der St. Ursula-Schule gefolgt, in der Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) das Verhältnis von Kirche und Staat beleuchtete.
„Wie viel Religion verträgt eine aufgeklärte Gesellschaft?“, fragte Lammert, wenn man bedenke, dass Religion in der Regel einen absoluten Wahrheitsanspruch vertritt. Wie viel Religion dulde ein demokratischer Rechtsstaat, dem es darum gehe, unterschiedliche Interessen auszuhandeln und verbindliche Entscheidungen durch Mehrheiten zu beschließen?
Zwei Missverständnisse seien aktuell zu beobachten: Zum einen die Anmaßung, religiöse Überzeugungen für geltendes Recht zu halten und dieses umgesetzt sehen zu wollen. Zum anderen mache sich die Tendenz breit, religiöse Überzeugungen leichtfertig als überholt zu betrachten. „Tatsächlich brauchen wir religiöse Bezüge“ so Lammert, „sie sind im modernen säkularen Staat nicht gegenstandslos geworden." Lammert verwies auf das Grundgesetz, einen „zutiefst religiösen Text mit Normensetzung“. Das Grundrecht von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde sei im Grunde nichts anderes als die säkulare Version der Überzeugung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Verfassungen seien niemals der Ersatz für die kulturelle Selbstverständigung einer Gesellschaft, aber sie seien der Ausdruck dieser Kultur. Politik setze den Rahmen, in dem kulturelle Vielfalt sich entwickeln könne. Sie formuliere das Mindestmaß an Gemeinsamkeiten, das zu akzeptieren sei, damit eine Gesellschaft sich in Vielfalt entwickeln könne. „Religionen handeln von Wahrheiten, Politik von Interessen.“ Über Wahrheitsfragen aber lasse sich nicht abstimmen, weshalb „der Staat die letzte Instanz für allgemein gültige Ansprüche [sei] mit der schmerzlichen Konsequenz, dass auch heilige Texte keinen Vorrang vor der Verfassung beanspruchen können."
Der Vortrag ist hier als podcast zu hören und zu sehen.
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