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"Dachdecker wollt' ich eh nicht werden." Ein „Behindertenaktivist“ kämpft für Inklusion und gegen Mitleid 17.11.2017
 
 


Es war nicht allein die Lesung aus dem viel beachteten Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ von Raúl Aguayo-Krauthausen, die die 70 Besucher in ihren Bann zog, sondern vor allem die Präsenz und Persönlichkeit von Krauthausen, der von sich selbst sagt: “Ich bin ein Behindertenaktivist“. Er kämpft für Inklusion im Alltag und gegen Mitleid für Menschen mit Behinderung. Mit seinem Verein Sozialhelden e.V. entwickelt er kreative Lösungen für ein besseres Miteinander. Zum Beispiel eine wheelmap, eine interaktive Online-Karte zum Finden und Markieren rollstuhlgerechter Orte.
Auf Einladung der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO), der katholischen Familienbildungsstätte, der katholischen Erwachsenenbildung, der Dombuchhandlung und dem Forum in Osnabrück war Raúl Aguayo-Krauthausen der Einladung in das Forum am Dom gefolgt.
Die Veranstaltung war von vornherein als inklusive Lesung mit Gebärdenunterstützung für Gehörlose angelegt.
Krauthausen ist ein Aktivist für die Rechte von Menschen mit Behinderung obwohl er genau das nie sein wollte, wie er freimütig erzählte. Er provoziert, er konterkariert und er gibt sich selten mit weniger als der Maximalforderung zufrieden. Dabei ist er eloquent, scharfsinnig, schnell und bis an die Grenze der Unhöflichkeit ehrlich. Er legt keinen Wert auf harmonisierende Beschwichtigungen. Aber sein Charme erlaubt es ihm immer wieder, Lachen und Humor als letzten Ausweg aus der Betroffenheitsfalle zu nutzen. Wenn er von Schonräumen für Behinderte spricht, dann meint er damit keinesfalls eine zu schätzende Errungenschaft des Wohlfahrtsstaates sondern einen Schutz für die Mehrheitsgesellschaft.
Das schockierte so manchen Zuhörer, stimmte aber auch nachdenklich. Ist das, was so gut und edel als Hilfe gemeint war, am Ende eine besonders perfide Art der Ausgrenzung?
Krauthausen ist politisch und fordert das Recht auf radikale Akzeptanz nicht nur für seine Person sondern für jeden Menschen. “Muss ein Mensch produktiv arbeiten, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden?“ fragte er die Zuhörer und viele fühlten sich ertappt in ihrer eigenen Komfortzone und als Mitglied der bevorzugten Mehrheitsgesellschaft.


  Krauthausen bricht eine Lanze für die überlasteten Lehrer und konstatiert messerscharf, dass nicht nur die zwei behinderten Kinder in einer Regelschule zu kurz kommen, sondern - in einer Klasse mit 35 Schülern - alle Kinder. Er legt den Finger in die Wunde des deutschen Bildungssystems und moniert die Unwahrscheinlichkeit, als behinderter Mensch im ersten Arbeitsmarkt tätig zu werden.
„Da helfen Instrumente wie Ausgleichsabgaben nur wenig“ so seine Überzeugung, die Barriere in den Köpfen verhindere auch die Barrierefreiheit für den freien Zugang in den Arbeitsmarkt bis hinauf in die Leitungspositionen.
Schnell entwickelte sich ein lebhafter Austausch. Was ist gut an einem Angebot, bei dem Blinde Sehende durch eine Ausstellung führen oder ins Dunkelrestaurant, wenn das nicht andersherum auch möglich ist?
Schwester Christa Bormes begleitete Lesung und Diskussion mit großem Engagement und vermittelte die Inhalte für Teilnehmende mit Hörbeeinträchtigungen. Trotz der Sprechgeschwindigkeit von Krauthausen hatte sie sichtbar Freude an der Vermittlung seiner radikalen Forderungen für Inklusion in unserer Gesellschaft. 

 
Zur Person: Raul Krauthausen lebt in Berlin und ist tätig als Autor, Moderator, Medienmacher und Aktivist. Als Inklusions-Aktivist und Gründer der SOZIALHELDEN, Kommunikationswirt und Design-Thinker arbeitet Krauthausen seit über 15 Jahren in der Internet- und Medienwelt.
Seit 2015 moderiert er mit “KRAUTHAUSEN – face to face” eine Talksendung zu den Themen Kultur und Inklusion auf Sport1.
Text und Fotos: Dagmar Teuber-Montico, KEB Osnabrück
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